Analystenschätzungen

Finanzanalysten, insbesondere solche von internationalen Großbanken, scheinen von einer breiten Öffentlichkeit als Gurus der Kapitalmärkte angesehen zu werden. Neben periodischen Gewinn- und Cash-Flow-Schätzungen sind Zeitungen, das Internet und Fernsehsendungen voll von den Kauf- und Verkaufsempfehlungen der Experten. Aufgrund ihres herausragenden Status kann davon ausgegangen werden, dass Analystenprognosen- und Empfehlungen die Basis ungezählter Investitionsentscheidungen darstellen.

Werden Analysten ihrem Ruf als Gurus der Kapitalmärkte gerecht? Können Sie zukünftige Aktienmarktbewegungen zuverlässig vorhersagen? Die Faktenlage spricht eine andere Sprache, wie zahlreiche Studien belegen. So lieferten laut Imhoff und Pare (1982) Analysten keine präziseren Gewinnschätzungen als einfache ökonometrische Modelle, was Wild und Kwon (1994) im Zeitraum von 1981-1986 bestätigen konnten. Dreman und Berry (1995) stellen die von den Analysten verwendeten Bewertungsmodelle insgesamt in Frage, da sie anscheinend keine relevanten und wissenschaftlich fundierten Ergebnisse liefern. Auch aktuellere Studien, wie bspw. die von Kwag und Stephens (2007), kommen zu ernüchternden Ergebnissen. So erreichte der absolute Schätzfehler zwischen 2000 und 2003 –je nach Industrie und Land– Werte von bis zu 50%.

Besonders hervorzuheben sind die Ergebnisse von Dreman (1998, S. 92), der 500.000 Analysten-Gewinnschätzungen drei Monate vor Berichtserstattungstermin auswertet. Die Untersuchung von Daten für mehr als 1.500 in den USA gelisteten Unternehmen zeigt einen durchschnittlichen jährlichen Schätzfehler von 44%! Auffällig ist hierbei, dass die Schätzfehler im Mittel auch durch neue technologische Errungenschaften nicht reduziert werden konnten.

Auch die StarCapital hat sich im Jahr 2008 mit dem Thema Analystenschätzungen befasst: In einer Untersuchung von mehr als 1,5 Millionen Konsensschätzungen über 33 Jahre hinweg konnten die Ergebnisse Dremans bestätigt werden. Obwohl Analystenschätzungen zum Berichtserstattungstermin genauer werden, lag der durchschnittliche Schätzfehler zwölf Monate vor Berichterstattung bei über 30%:

Ein sinnloses Unterfangen? Mittlere jährliche Gewinn-Schätzfehler

Dreman (1998) wertet 500.000 Analystenschätzungen im Zeitraum von 1973 bis 1996 auf Basis von Daten der A-N Research Group und I/B/E/S aus (hier nur der Zeitraum bis 1984 dargestellt). Im Jahr 2008 untersucht die StarCapital AG auf Basis von I/B/E/S und Worldscope 1,7 Mio. Konsensschätzungen (bestehend aus ca. 10.5 Mio Einzelschätzungen) im Zeitraum von 1985 bis 2008.

Auch auf Indexebene geben Analysten oftmals keine zuverlässigen Prognosen ab. So bittet die Presse jedes Jahr Bankanalysten darum, eine Prognose über den Stand des DAX am Jahresende abzugeben. Obwohl hier freilich niemand eine punktgenaue Prognose erwarten kann, sollten ausgewiesene Experten doch theoretisch dazu in der Lage sein, eine Tendenz, bzw. eine Marktrichtung korrekt vorherzusagen (wie etwa „der Markt steht aufgrund konjunktureller Eintrübungen am Ende des Jahres niedriger!“). Auch hier können Analysten ihrem Ruf als Finanzgurus leider nicht gerecht werden. 

DAX-Endstände: Prognosen vs. Wirklichkeit

Quellen: diverse Pressemagazine insbesondere handelsblatt.com. Der Schätzfehler errechnet sich aus der Abweichung zwischen der prognostizierten und der realisierten Rendite.

Basierend auf dem für 2018 prognostizierten Endstand von 14.009 Punkten läge der Schätzfehler selbst bei DAX-Endständen von 11.684 bzw. 16.334 im mittleren Rahmen von +/- 18%. Die Ergebnisse sind nicht verwunderlich, da die Zukunft weder vorherseh- noch prognostizierbar ist. Analysten werden wohl niemals dazu in der Lage sein, unvorhergesehene Ereignisse wie plötzlich auftretende Wirtschaftskrisen, Kriege, Naturkatastrophen oder neue bahnbrechende Erfindungen und Technologien vorherzusagen.

Literaturverzeichnis

Dreman, D., Berry, M. (1995, Mai-Juni). Analyst Forecasting Errors and Their Implications for Security Analysis. Financial Analysts Journal, 51 (3), 30-41.

Dreman, D. (1998). Contrarian Investment Strategies : the next generation : beat the market by going against the crowd. New York: Simon & Schuster.

Imhoff, E., Pare, P. (1982, Herbst). Analysis and Comparison of Earnings Forecast Agents. Journal of Accounting Research, 20 (2), 429-39.

Kwag, S., Stevens, A. (2007, Frühling/Sommer). Serial Correlation of Analyst Forecast Errors in 12 Asia-Pacific Markets. Journal of Applied Finance, 29-39.

Wild, J., Kwong, S. (1994, Oktober). Earnings Expectations, Firm Size, and the Informativeness of Stock Prices. Journal of Business Finance & Accounting, 21 (7), 975-996.

Kontaktieren Sie uns

Sie haben Rückfragen? Sprechen Sie uns an:

Norbert Keimling (Mail)
Leiter Kapitalmarktforschung

Dr. Nora Imkeller (Mail)
Portfoliomanagerin 

 

News

Presseartikel / 07.05.2020

Doch es gibt regionale Unterschiede. Antworten liefern das Schiller-KGV und unsere Kapitalmarktforschung.

Kapitalmarktforschung / 05.05.2020

Gemessen am CAPE und KBV notieren aktuell nur 7 von 40 Aktienmärkten über ihren historisc...

Presseartikel / 01.05.2020

Wo finden Anleger aktuell aussichtsreiche Regionen? Mehr auf Fokus Money.

Multimedia / 30.04.2020

Norbert Keimling geht darauf ein, welche Märkte unter Wert notieren und wie wir diese Erkenntnisse im Fondsmanagem...

Publikationen / 20.03.2020

Mehr im Kommentar von Norbert Keimling zur fundamentalen Lage an den Aktienmärkten inkl. Priamos